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Chinesischer Schriftzug G.H.T.K.A.

独逸白鶴手拳法古武術協会

doitsu hakuchuu ti kenpo kobujutsu kyokai – G.H.T.K.A.

Shisochin

Offizielle Lehre:

Shisōchin ist eine Abwandlung der chinesischen Form Shi Zhen Jing. Shi bedeutet echte Stärke, Zhen beschreibt das Würgen oder Halten, Jing steht wiederum für Kraft oder Energie. Higaonna Kanryō erlernte diese Kata von Ryū Rū Ko, einem Meister des Baihequan. Man nennt die Kata auch vier kämpfende Affen. In der Shisōchin wird geübt, mittels Würge- oder Haltetechniken anzugreifen oder sich gegen solche Techniken zu wehren. Shisōchin konzentriert sich wie Sansēru auf einen Kampf in vier Richtungen. Zusätzlich zu Fingerstoßtechniken, die die Distanz zwischen sich und dem Gegner vergrößern, enthält Shisōchin auch Techniken für Nahkampfsituationen (z. B. Gelenkhebel).

Meine Interpretation:

Name und Herkunft

Shi Sō Chin, Chi Sō Chin sind gebräuchliche japanische Aussprachen, Shi Zhen Jing, Chi Sau Kin/Chin, Xi Shuai/Xiang Zhan in Mandarin, Kantonesisch etc., je nach Dialekt ob Hakka, Min Nan/Hokkien/Amoy1 gibt es weitere. Welches die originalen Schriftzeichen waren, ist nicht nachzuvollziehen, führt zu Verwechslungen und Irrtümern. 「四向戦,四向鎮,師壯鎮,四方拝,蟋蟀戦」sind nur einige Möglichkeiten.

Die Theorie, sie Higaonna zuzuschreiben, ist von Kyoda Juhatsu2 verworfen worden (siehe Seienchin). Aragaki Seisho führte eine „Chisaukchin“ 1867 beim Besuch des letzten Sapposhi vor. Falls diese Form etwas mit der Chisochin zu tun hat, war sie weit vor Higashionna's Reise schon auf Okinawa bekannt. Wohl eher aufgrund der verwendeten Schriftzeichen verortet man ihre Herkunft in den Stilen des Tigers, der Gottesanbeterin/Grille, des Affen, des Drachen「螭」, aber auch des Weißen Reihers3 (Baihechuan ?).

Meiner Ansicht nach sollte man nur die Techniken, Prinzipien und das Schrittdiagramm betrachten und schon ist die Herkunft der Form geklärt – das Baihequan. Eigentlich sollte jedem der direkte Zusammenhang zwischen Shisōchin und Happoren「ハ步連」4 auffallen. Der Beginn der Form ist mit nahezu jeder Baihe-Form identisch und Bestandteil der Baibulien「百步連」(„Empfangende Hände“「受掌」 oder „Buddha hält einen Säugling“「佛拜嬰」). Im Laufe der Form wird diese Figur5 5x wiederholt. Die „Speerhand“「貫手」 (Nukite) wird in der Shisōchin abstrahiert und entspricht nicht ihrer wahren Intention. Die Hüftdrehung mit Kakeuke und Hijiate(„Tiger lehnt sich gegen den Wolf“「虎凭豺狼」) ist eine Abwandlung bzw. eine Anwendung einer der grundlegendsten Figuren der Baibulien und taucht in keiner anderen Gojuryukata auf. Der wiederholte Fauststoß über die eigene Schulter ist ebenfalls eine Abwandlung/Anwendung einer Figur der Baibulien, wird in der Shisōchin selbst, in ihrer gebräuchlicheren Form ausgeführt, als dreimaliger „Ellbogenstoß“ nach vorn und findet sich in verschiedenen Ausführungen in Sanseiru, Seisan, Seienchin, Kururunfa und Suparinpai. Das viermalige „Schieben“, welches sehr an Taijchuan erinnert, ist wohl der letzte erhaltene Hinweis, daß auch das Baihe dort seine wahren Wurzeln findet.

Laut Überlieferung wurde Fang Qiniang6, nach dem Tode ihres Vaters, von einem daoistischen Mönch unterrichtet. Was ist die naheliegendste Kampfkunst eines Daoisten?

Die Ähnlichkeiten zur Paiho「白鶴」des Ryuei ryu「劉衛流」, sind ein weiteres Indiz der selben Quelle.

Wie so oft durch Verzweigung, Austausch, Verwechslung, Vermischung hervorgerufen, gibt es noch mehr Formen, welche Ähnlichkeiten zur Shisōchin aufweisen und somit Verwandtschaft andeuten. Zu diesen Formen gehören: Unshu「雲手」, Useishi「五十四手」, Sochin「壯鎭」, Tomari no rohai「泊鷺牌」. Ohne weiter darauf einzugehen, möchte ich doch anmerken, daß Unshu von Aragaki Seisho gelehrt wurde.

Ein nicht zuvernachläßigender Fakt der direkten Verwandschaft zwischen Shisōchin und Baibulien ist das Schrittdiagramm (Embusen).

Das Prinzip

Als übergeordnetes Prinzip dieser Form würde ich Huò 「矱,獲」betrachten, da, meiner Meinung nach, die Shisōchin die „alten“ Prinzipien des Baihequan ins Gedächtnis rufen soll.

Oberflächliche Prinzipien

Die folgende Liste beinhaltet nur jeweils eine Möglichkeit:

  • 掤 Peng z.B. Abbildung 25
  • 捋 Lǚ z.B. Abbildung 7
  • 擠 Jǐ z.B. Abbildung 15
  • 按 Àn z.B. Abbildung 31
  • 採 Cǎi z.B. Abbildung 18
  • 裂 Liè z.B. Abbildung 15
  • 肘 Kào z.B. Abbildung 37
  • 靠 Zhǒu z.B. Abbildung 37
  • 騰 Téng z.B. Abbildung 24
  • 陷 Xiàn z.B. Abbildung 13
  • 摺 Zhé z.B. Abbildung 24
  • 空 Kòng z.B. Abbildung 31

Die Form

Der Ablauf dürfte sich in den meisten Schulen kaum unterscheiden, somit bildet hier die Shisōchin ebenfalls eine Ausnahme. Andere Formen des Gojuryu variieren schon innerhalb der einzelnen Schulen und können in andern Stilen ganz anders aussehen. Ich denke, daß sie in dieser Form schon immer weitergegeben wurde und aus der Aragaki-Linie stammt. Sie ist meiner Meinung nach eine „Sequenz“, wie die Happoren, welche ebenfalls keine Form, sondern eine Sequenz ist. Warum die Shisōchin nicht geheimgehalten wurde, die Happoren allerdings bis in die 90er Jahre, kann ich nicht erklären. Allerdings hat Geheimhaltung auch nicht immer etwas mit Wissen zu tun, sondern ab und zu auch mit Unwissen.

Nach Abbildung 11 wiederholt sich Abbildung 4 − 7, das sind die „3 Schlachten“ der Shisōchin. Die Handhaltung „Empfangende Hände“ variiert, je nach Überlieferung, Verständnis und Anwendung, von flach bis fast senkrecht. Nukite in Abbildung 6 bzw. 10 wird als Stoß mißverstanden und zeugt von der Unkenntnis der Baibulien.

Abbildung 12 & 13 sind abstrakte Figuren der Baibulien. Abbildung 15 bzw. 19 sind, vermutlich durch die praktische Anwendung bedingt, verkürzte Figuren. Abbildung 18 war meiner Meinung nach keine als Hijiate7「肘当て」 definierte Technik, sondern nur eine Anwendungsoption. Abbildung 16 bzw. 20 versteckt mehrere Möglichkeiten im eher simplen Kakeuke8「掛け受け」.

Abbildung 24 zeigt nach allgemeiner Lehre einen Ellbogen- & Fauststoß (Ushiroempiuchi「後ろ猿臂打ち」, Ushirozuki「後ろ突き」), macht damit die unrealistischste Technik zum Dogma und beraubt diese Figur ihres vielfältigen Potenzials. Die Abbildungen 25 − 29 zeigt für die meisten Karateka nur die Wiederholung von Handballenstößen nach vorn und unten (Mae/Otoshi Shotei 「前,落し掌底」).

Abbildung 35 − 37 zeigen eine fundamentale Figur des alten Okinawakarate, wahrscheinlich nicht aus dem Minghequan, da es dort, so weit mir bekannt, nicht in dieser Form vorkommt. Es existiert allerdings eine Figur aus der sie sich abgeleitet haben kann. Dennoch ist sie in vielen Formen so oder ähnlich vorhanden, Seienchin, Seisan, Seipai, Sanseiru, Kururunfa, Neipai, Niseishi, Useishi, Kumemura no Hakutsuru etc.. Meiner Meinung nach floß es aus dem Kobujutsu ein, es ist eine grundlegenden Figur im Umgang mit Tinbe & Ruchin9「陳弁ロチん」.

Bis auf Abbildung 45 „Shuānglóng Yǒngbào Zhēnzhū”「雙龍(擁)抱(珍)珠」10 handelt es sich um Wiederholungen vorangegangener Techniken.

Untypischerweise endet die Shisōchin nicht mit dem im Gojuryu üblichen Mawashiuke「回し受け」, sondern der Anwendung angemessen.

Fußnoten

  1. Chinesisch besitzt zahllose Sprachen und Dialekte, die wichtigsten sind Mandarin, Wu, Kantonesisch, Min, Jin, Xiang, Hakka, Gan
  2. Higashionna Kanryo's Uchideshi
  3. Mandarin: cānglù「蒼鷺, 苍鹭」, báilù 「白鷺, 白鹭」(je nach Gattung und auch Stil)
  4. Den Zusammenhang zwischen Happoren/Papuren und Paipuren/Baibulien erläutere ich in 【Paipuren Kata】
  5. Ich finde den Begriff „Figur“ passender als „Technik“
  6. Mutmaßliche Stilgründerin des Baihequan
  7. Ellbogenstoß
  8. „Hakenabwehr“
  9. Schild & Speer, es handelt sich meistens um einen Schildkrötenpanzer und Machete oder Kurzspeer (ca. 60cm).
  10. „Doppelter Drache umarmt die Perle“

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